Königshalle

Der architektonische Höhepunkt des UNESCO-Welterbes: Die pittoreske Königshalle mit der weltberühmten bunten Sandsteinfassade zählt zu den wenigen gut erhaltenen Gebäuden aus karolingischer Zeit. Obwohl ihr Zweck bis heute ungeklärt ist, ist ihre Bedeutung unbestritten. Das Obergeschoss (nur mit Führung zugänglich) zeigt teilweise sehr gut erhaltene Wandmalereien aus verschiedenen Jahrhunderten.

Man kennt sie nicht nur in Fachkreisen

Die sogenannte Tor- oder Königshalle ist das einzige aus der Karolingerzeit erhaltene Bauwerk des Klosters und hat als eines der bekanntesten Beispiele frühmittelalterlicher Baukunst wesentlich dazu beigetragen, dass der Name Lorsch über den engeren regionalen Raum hinaus ein fester Begriff ist. Ungeachtet des außergewöhnlich guten Erhaltungszustandes des Gebäudes, das im 14. Jahrhundert sein heutiges Erscheinungsbild erhalten hat, verbinden sich noch immer sehr viele Unsicherheiten mit der „Königshalle“. Abgesehen von der schon Anfang des 19. Jahrhunderts konstatierten karolingischen Zeitstellung (seit Georg Moller, 1815) ist sich die Forschung heute noch immer nicht sicher, wann genau und zu welchem Zweck das Bauwerk entstanden ist.

Der Auffassung, die „Königshalle“ sei für Karl den Großen, der 774 als Sieger über die Langobarden aus Italien heimkehrte, erbaut worden, ist in letzter Zeit mit recht überzeugenden Argumenten entgegengetreten worden. Aus im wesentlichen baugeschichtlichen Argumenten resultiert die Annahme einer im späten 9. Jahrhundert angesetzten Datierung, zeitgleich mit der ecclesia varia, die als Gruftkapelle für die Dynastie der ostfränkischen Karolinger bald nach 876 erbaut worden ist. Möglicherweise hatten beide Bauwerke einen ähnlichen  Fassadenschmuck, der als durchaus auffällige Besonderheit im Falle der Gruftkapelle sogar ausschlaggebend für die Namensgebung der ecclesia varia (= bunte Kirche) geworden sein könnte.

Die kunstwissenschaftliche Untersuchung der Malereien im Inneren des Obergeschosses schließen eine Datierung in die Zeit Ludwigs des Deutschen oder seines Sohnes Ludwigs des Jüngeren nicht aus: Das Fragment einer gemalten Inschrift mit beachtenswert qualitätvoller Kalligraphie kann mit den derzeit gegebenen Möglichkeiten der Paläographie in die Zeit zwischen 820 und 900 eingeordnet werden (Sebastian Scholz) – ein Zeitrahmen übrigens, der auch eine frühere Datierung, etwa in das erste Drittel des 9. Jahrhunderts, wie sie Matthias Exner aus der Beobachtung der karolingischen Wandmalereien ableiten möchte, keineswegs ausschließt.

Mit der Funktionsbestimmung der „Königshalle“ sind sogar noch größere Unsicherheiten verbunden. Als von der Architektur römischer Triumphbögen inspiriertes Denkmal des durch Karl den Großen wiederbelebten lateinischen Kaisertums, als Stätte des Gerichts, als Ort herrscherlicher Aufenthalte ist das Gebäude ebenso diskutiert worden wie zuletzt als Bibliothek und schließlich gar als ein ins Architektonische übertragener Schrein für die öffentliche Ausstellung der im Kloster gehüteten Reliquien. Am meisten Plausibilität dürfte aber derzeit die von Achim Hubel erörterte Möglichkeit für sich beanspruchen, dass die Lorscher „Königshalle“ für das nicht zuletzt ja auch liturgisch begangene Ereignis und Zeremoniell des Herrscherempfangs errichtet worden sein dürfte. Damit gewinnt die Vorstellung einer dem Herrscher zugedachten Baulichkeit inmitten des „Prozessionsweges“ zur Klosterkirche zusätzliches Gewicht. Nur eben die Kennzeichnung als profanes Bauwerk müsste dann revidiert werden.

Putz- und Malschichten

Seit der Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist die  „Königshalle“ nicht nur Gegenstand detaillierter kunstwissenschaftlicher und baugeschichtlicher Untersuchungen, sondern auch umfangreicher konservierender und restaurierender Maßnahmen gewesen, die im Auftrag der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen durchgeführt worden sind.
Deutlicher als nach den Rückbaumaßnahmen und Rekonstruktionen der dreißiger Jahre ist heute die Abfolge von mehreren Putz- und Malschichten beschreibbar.

Von diesen sind immerhin vier auch für den Besucher noch gut nachvollziehbar: die älteste, durch das Inschriftfragment auf glattgestrichenem Fugenmörtel belegt, ist erbauungszeitlich. Zeitlich eng benachbart folgt auf trockenem Putz die in größeren Partien noch erhaltene Architekturmalerei. Bei den konservierenden Maßnahmen im Inneren ging es um den Erhalt originaler Befunde, die sich inselartig über die Wandflächen des Obergeschosses verteilen. Die erst in den letzten Jahren beurteilbar gewordene Qualität der Malerei ist beachtlich. Anders als die Rekonstruktionsversuche der dreißiger Jahre, wirkten die Farbflächen der Brüstungsverkleidung und der Säulenschäfte sehr viel lebendiger.
Die nächste, zeitlich nachfolgende Schicht steht zwischen dem jüngeren karolingischen Befund und der spätmittelalterlichen Fassung des Raumes. Sie ist nur an einer Stelle, links neben der Nische, zu beobachten: auf einer die karolingische Schicht überdeckenden Schlämme sind Fragmente figürlicher Malerei (sehr wahrscheinlich einer Darstellung des Erzengels Michael) erkennbar.
Die vierte gut erkennbare Schicht bewahrt Reste der spätmittelalterlichen Ausmalung des Raumes. Spätestens um 1380/90 wurde die Dachsituation der „Königshalle“ grundlegend geändert: Die Dachkonstruktion wurde steiler, ebenso die Giebel; im Inneren ersetzte eine Tonne den bis dahin wohl eher flachen Raumabschluss. Alle Wandflächen erhielten einen neuen Verputz, auf dem Szenen aus dem Leben der Gottesmutter Maria dargestellt sind.

Nach einer kurzen Zeit, in der das Gebäude eine Ruine gewesen sein muss, wurde die „Königshalle“ Ende des 17. Jahrhunderts unter Kurfürst Franz Lothar v. Schönborn, dem Mainzer Erzbischof, einer neuen Nutzung als Kapelle zu seiner kleinen Jagdresidenz zugeführt. Seither erhielt das „Kappellche“, wie die Lorscher Bevölkerung die „Königshalle“ zu nennen gewohnt ist, seinen kleinen Dachreiter zur Aufnahme eines Glöckchens und Einbauten im Inneren. Verhängnisvoll wirkte die Vorbereitung der Wandflächen für den barocken Neuverputz: tiefe Kerben und Löcher, mit einer Spitzhacke in die Wände gehackt, sollten dem neuen Putz Halt geben und an manchen Stellen scheinen die historischen Putzschichten ganz entfernt worden zu sein.

Spätmittelalterliche Form durch Rückbaumaßnahmen

Erst die Rückbaumaßnahmen Friedrich Behns (1935 abgeschlossen) gaben dem Gebäude seine auch heute wieder zu erlebende, spätmittelalterliche Form zurück, mit dem Glockentürmchen als Reminiszenz an die neuzeitliche Kapellennutzung.  Der 1840 bei Straßenbauarbeiten abgegangene nördliche Treppenturm wurde auf den noch vorhandenen Fundamenten neu errichtet (wobei auch beobachtet wurde, dass die Treppenapsiden erbauungszeitlich sind und nicht, wie vor Behn angenommen, spätere Anfügungen).

Fassadenschmuck – über mehr als ein Jahrtausend nahezu unverändert

Auch das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes hat sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt, wenngleich auch der aufwendige Fassadenschmuck der Erbauungszeit über mehr als ein Jahrtausend die „Königshalle“ nahezu unverändert stets als besonderes Bauwerk auszeichnete.
Zurecht ist immer wieder auf die Besonderheit des bunten Außendekors hingewiesen worden, das aus der Kombination einer römischen Mauertechnik und dem wirkungsvollen Farbwechsel der Bausteine erzielt wurde.

Der bauplastische Schmuck vereint zwei für die karolingische Kunst insgesamt charakteristische Anliegen: den „Klassizismus“, betont im Durchgangsgeschoß durch die den Pfeilern vorgelegten Halbsäulen mit attischen Basen und sehr klassisch wirkenden Kompositkapitellen, bei denen es sich auch um aus römischer Zeit stammende, also als Spolien wiederverwendete Stücke handeln könnte. Ganz anders dann die Behandlung der Fassade des Obergeschosses oberhalb eines Palmettenfrieses, das als einziges Schmuckelement (abgesehen vom Traufgesims) auch an den Schmalseiten des Gebäudes zu beobachten ist. Hier haben wir flach der Fassade aufgelegte kannelierte Pilaster, deren stilisiert und in vielem vergröbert wirkende Kapitelle steile, giebelartig wirkende Simse zu tragen scheinen, die nun ebenso wie die Pilaster nicht mehr unmittelbar auf die antike Formensprache zurückgreifen, sondern wie eine um Stilisierung bemühte Aneignung und „Übersetzung“ antiken Formenguts in die Formensprache der eigenen Gegenwart wirken. Neu sind lediglich die Fenstergewände der drei westlichen und zwei östlichen Fenster des Obergeschosses der „Königshalle“ und die sie umgebenden Schmucksteine, die vermutlich in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts einfach verputzte Flächen ersetzten, die noch auf alten Photographien zu sehen sind.

Wissenschaftliche Texte zum Kloster Lorsch
Die “Königshalle”

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